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Sting
Sting

Ein rätselhafter Genius

21.02.2007

Wie er aussah, weiß man nicht. Von John Dowland sind keine zeitgenössischen Bilder überliefert. Sein Leben hingegen ist für einen Renaissance-Künstler vergleichsweise gut dokumentiert und lässt darauf schließen, dass es sich hier um einen eher widersprüchlichen Musiker und Komponisten handelte, der trotz ungewöhnlicher Begabung sich selbst häufig im Weg stand. Jedenfalls war Dowlands Musik über drei Jahrhunderte hinweg vergessen und erlebt erst seit wenigen Dekaden eine zunehmend euphorische Wiederentdeckung durch sehr unterschiedliche Interpreten, die nun in der “The John Dowland Collection” dokumentiert wird.

Melancholie ist ein Gefühl der Verlorenheit in einer Welt, die den eigenen Träumen nicht entspricht. Am englischen Hof gehörte es zum guten Ton, sich präbarock der Vergänglichkeit zu widmen und auch John Dowland war gegen solche Vorstellungen nicht gefeit. Die Titel seiner Lieder kokettierten mit dem Dunkeln und Geheimnisvollen, nicht zuletzt aus modischen Gründen. Im Kern jedoch war er ein konservativer Mensch, dem seine musikalische Kompetenz neue Klangwelten aufschloss. Sein größter Jugendtraum war eine Stelle am königlichen englischen Hof. Er bevorzugte Lieder und Tänze im traditionellen Stil seiner Zeit wie Pavanen oder Allemanden, obwohl die Mode aus Frankreich bereits neuere Formen wie die Courante oder die Volta populär zu machen begann. Selbst seine ein paar Jahre währende Hinwendung zum Katholizismus war wenig anderes als der Versuch, an der Glorie und dem Geheimnisvollen der Vergangenheit festzuhalten, anstatt sich dem erfolgreichen Pragmatismus des elisabethanischen Protestantismus zu beugen. Gleichzeitig spielte Dowland aber mit der Laute ein Instrument, das in der Blüte der Entwicklung stand. Anfang des 15. Jahrhunderts hatte sie eine neue Korpusform bekommen, die sie von der mittelalterlichen Laute unterschied. Der Hals vom Körper deutlich abgesetzt, der Lautenkragen rechtwinklig abgeknickt, ein Schallloch statt früher zwei, außerdem zunehmende sieben- bis achtstimmige Chörigkeit und damit harmonische Flexibilität – das war viel Veränderung innerhalb einer kurzen Zeitspanne.

Dowland war fasziniert von diesen Möglichkeiten experimentierte mit zuweilen gewagter Chromatik, erfand aber auch Melodieführungen von außergewöhnlicher Eleganz und Feinheit, mit stellenweise bitteren Texten über die Enttäuschungen, die das Leben für den Menschen bereithielt. Denn alles war eitel und leer, ein manisches Lebensgefühl der Extreme und des Ausgeliefertseins bestimmte die Epoche im Anschluss an die Wirren der Reformation. Selbst Dowlands Vergnügungen während der Jahre am Dänischen Königshof, die ihn zwischenzeitlich zum reichen und ausschweifenden Lebemann machten, erscheinen angesichts seines verschlossenen Wesens wie ein sarkastischer Verweis auf die Vergänglichkeit des Menschen. Die fragile Atmosphäre seiner Lieder führte jedenfalls dazu, dass sein Werk wie auch er selbst seit dem späten 17. Jahrhundert in den Hintergrund der Musikgeschichte trat. Erst in den Sechzigern begannen Künstler wie der Tenor Nile Rodgers und der Lautenist Thomas E. Binkley, sich im Rahmen des erwachenden Interesses für Alte Musik wieder ausführlich an die Interpretation von Dowland-Liedern zu wagen. Sie setzten damit Marksteine eines erweiterten Repertoireverständnisses und sind auch der Ausgangspunkt der Doppel-CD “The John Dowland Collection”, die sich ausführlich und von verschiedenen Perspektiven mit dem Renaissance-Meister beschäftigt. Das Spektrum der Klangdeutungen umfasst international renommierte Künstler wie die SängerInnen Barbara Bonney, Emma Kirkby, Anne Sofie von Otter, Nigel Rogers, Andreas Scholl und die Instrumentalisten und Ensembles Anthony Rooley, The Consort of Musicke und Göran Söllscher. Die für die Zusammenstellung ausgewählten Aufnahmen entstanden zwischen 1964 und 2005 und ermöglichen es auf diese Weise, nicht nur die wunderbaren Melodien des Elisabethanischen Zeitalters wieder zu entdecken, sondern auch nach zu verfolgen, wie die Aneignung eines Werkkorpus sich über  vier Jahrzehnte Aufnahmegeschichte verändert und differenziert. Feine Melodien für Klangliebhaber und Entdecker.

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