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Thomas Quasthoff
Thomas Quasthoff

Mit Herz und Verstand - Die Edition „It’s me“ dokumentiert die Höhepunkte von Quasthoffs Liedschaffen

Thomas Quasthoff
© Jim Rakete / DG
11.03.2014

Anfang 2012 versetzte eine Nachricht die Welt der klassischen Musik in helle Aufregung – und mancher vermutete dahinter zunächst eine Falschmeldung. Denn dass Thomas Quasthoff seine Sängerkarriere beenden würde, konnte bzw. wollte man einfach nicht glauben. Aber die Entscheidung des weltweit gefeierten Bassbaritons war endgültig. Im Alter von gerade einmal 52 Jahren nahm er Abschied von den großen Konzertpodien. Und neben der Gesundheit führte er als weiteren Grund das stressige Jetset-Leben eines international gefragten Starsängers an, auf das er nun einfach keine Lust mehr habe. Den Terminkalender hat Quasthoff seitdem zwar mächtig abgespeckt. Trotzdem hat er weiterhin allerhand zu tun. Als Gesangsprofessor an der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule kümmert er sich um den Nachwuchs. Mit Sängerkollegen und musikliterarischen Projekten geht er als Rezitator auf Tournee. Und auch an die alten Kabarett-Zeiten, in denen sich Quasthoff als Stimmenimitator von Willy Brandt und Helmut Kohl von seiner urkomischen Seite zeigte, knüpft er live wieder an. Wer ihn so erlebt, denkt heute nur noch mit leichter Wehmut an Quasthoffs erstes Künstlerleben zurück. Natürlich ist es ihm nicht leicht gefallen, den Schlussstrich zu ziehen. Andererseits konnte er stolz von sich sagen: „Ich habe als Sänger eigentlich alles erreicht, was man in diesem Beruf erreichen kann.“

Tatsächlich hatte sich Quasthoff mehr als zwei Jahrzehnte lang so ziemlich jeden musikalischen Wunsch erfüllen können. Mit den großen Dirigenten wie Claudio Abbado, Riccardo Muti, Simon Rattle und Christian Thielemann arbeitete er als Konzertsänger zusammen. Seine Liebe zur geistlichen Barockmusik brachte ihm allein 2006 für eine Bach-Kantaten-Einspielung drei bedeutende Schallplattenpreise ein, darunter erneut einen „Grammy“. Und selbst im Jazz- und Soulfach stellte Quasthoff mal mit Trompeter Till Brönner, mal mit Sängerkollege Bobby McFerrin seine große musikalische Bandbreite gekonnt unter Beweis.

Seine wenigen Ausflüge ins Opernfach wurden bejubelt (an der Wiener Staatsoper sang er den „Amfortas“ in Wagners Parsifal), doch der Allround-Musiker Thomas Quasthoff hat sich vor allem mit einer Gattung intensiv beschäftigt: Die von ihm einmal als „Miniatur-Opern“ bezeichneten Kunstlieder, in denen in manchmal nur drei Minuten Geschichten erzählt werden, berühren auf Anhieb. Und gerade mit der romantischen Liederwelt, deren emotionale Achterbahnen vom vollkommenen Glück bis zur tiefsten Verzweiflung reichen, fühlt sich auch der Bassbariton a. D. weiterhin eng verbunden.

Quasthoff und andere Meister ihres Fachs

Mit den Großmeistern des romantischen Liederkanons, mit Schubert, Schumann, Brahms, Loewe und Liszt, beschäftigte sich Thomas Quasthoff sein aktives Sängerleben lang. Dabei faszinierte ihn nicht nur die geradezu symbiotische Partnerschaft mit dem Pianisten, mit dem er gemeinsam atmen und phrasieren kann. Da für ihn die menschliche Stimme das farbenreichste Instrument überhaupt ist, gab ihm das Lied schlichtweg die schönste Möglichkeit, sie entsprechend koloristisch einzusetzen. „Ich möchte Zyklen wie Die schöne Müllerin und Winterreise nicht einfach nur ‚schön‘ singen, sondern meine Stimme auch farblich so nutzen, dass ich dem Inhalt gerecht werde“, so Quasthoff 2005 anlässlich der Einspielung von Schuberts Liederzyklus Die schöne Müllerin. „Und wie wollen Sie zum Beispiel den Eifersuchts-Liedern in der Müllerin gerecht werden, wenn Sie nur ‚schön‘ singen? Da geht es derart zur Sache, dass man die Gesangslinie verlassen muss – sonst bleibt der Ausdruck dieser Stücke auf der Strecke. Gerade die Seelenzustände in der Müllerin und in der Winterreise kann man nur dann glaubhaft darstellen, wenn man sich auf diese Seelenzustände einlässt. Nur dann kann das entstehen, was wir ‚ehrlich‘, ‚wahrhaftig‘ oder ‚authentisch‘ nennen.“ Diese Kunst, in die romantischen Gefühls- und Seelenwelten einzutauchen und ihnen eine wundersam empfindsame und ergreifende Klanggestalt zu geben, beherrschte Quasthoff wie kaum ein Zweiter.

Dafür war ihm offenbar das nötige Talent in die Wiege gelegt worden. Quasthoff stammt aus einem musikalischen Elternhaus, bereits der Vater hatte Gesang studiert. So wuchs Quasthoff schon früh mit Schubert auf. Bereits mit 18 Jahren sang er zum ersten Mal öffentlich Schuberts Winterreise. Und nachdem Quasthoff 1988 den ARD-Wettbewerb gewonnen hatte, machte sein Ruf als begnadeter Liedsänger immer mehr die Runde. Nachdem er 1998 mit Mahler-Liedern erstmals in New York auftrat, folgte ein Jahr später sein gefeiertes Lieddebüt in der Carnegie Hall mit eben Schuberts Winterreise.

Wenig später entdeckte Quasthoff auch Schuberts dritten berühmten Liederzyklus Schwanengesang für sich. Und im Laufe seiner Karriere, die ihn rund um den Erdball führte, gab er nicht nur Liederabende mit seinem guten Freund Justus Zeyen am Klavier. Zu seinen engsten Klavierpartnern wurden auch Hélène Grimaud, András Schiff und nicht zuletzt Daniel Barenboim, mit dem er im März 2005 in der Berliner Philharmonie eine schon fast legendäre Winterreise darbot, der Mitschnitt des Konzertes ist als DVD Bestandteil von „It’s me“.

Längst hat sich der Wahl-Berliner Quasthoff zwar aus dem Liedsängerleben zurückgezogen, doch seiner geliebten Gattung blieb er verbunden.  Seit 2009 veranstaltet er in Berlin alle zwei Jahre den Internationalen Gesangswettbewerb „Das Lied“ und ist überzeugt: Um eine Jury oder das Publikum bis tief ins Herz zu treffen, reicht glänzende Technik nicht aus. Denn was den Gesang und damit die Größe eines Künstlers ausmacht, ist für Thomas Quasthoff vor allem „innere Tiefe, etwas Lebenserfahrung und eine persönliche Ausstrahlung“.
Die Edition „It’s me“ dokumentiert, was er damit meint und präsentiert auf 3CDs und 1DVD die Höhepunkte von Quasthoffs Liedschaffen.

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