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Erinnerung – Jubiläumsalbum würdigt Engelbert Humperdinck

Erinnerung - Homage to Humperdinck
© Veronika Illmer
22.04.2021
Anlässlich seines 100. Todestages lenkt die Deutsche Grammophon mit der Doppel-CD “Erinnerung”, einer klug zusammengestellten Hommage an den Komponisten Engelbert Humperdinck, unser Interesse auf dessen viel zu wenig beachtete musikalische Vielseitigkeit.
Humperdinck, der zunächst bei Ferdinand Hiller und später bei Franz Lachner und Josef Rheinberger studiert hatte, war – im Gegensatz zu seinen Lehrern – von Richard Wagner tief beeindruckt. Seine anderthalbjährige Assistenz in Bayreuth prägte ihn dermaßen, dass er nach Wagners Tod eine Weile brauchte, um musikalisch zu sich selbst zu finden. Ein langer und schwieriger Weg, begleitet vom Auf und Ab bei der Suche nach einer einträglichen Anstellung. Humperdinck arbeitete in verschiedenen musikalischen Genres. Dazu zählen auch seine zahlreichen Versuche, sich mit dramatischen Stoffen in Form von Schauspielmusiken auseinanderzusetzen: vier entstanden allein für Shakespeare-Stücke, darunter für den “Sturm”. Humperdinck fasste die einzelnen Sätze später zu den beiden “Shakespeare-Suiten” zusammen, die dieses Album eröffnen.

Musik von entwaffnender Innigkeit

Sie ist eines der meistgespielten musikalischen Bühnenwerke der Welt: die Märchenoper "Hänsel und Gretel“ von Humperdinck. Und mühelos ließe sich aus ihren einzelnen musikalischen Nummern eine Playlist zusammenstellen, deren unangefochtene Nummer Eins sicher der “Abendsegen” wäre. Jenes anrührende Duett für Sopran und Mezzosopran, frei von Sentimentalität, ist bei aller Schlichtheit von einem so ausgeprägten Gespür für Liedhaftigkeit und Melodik erfüllt, gleichsam beispielgebend für das ganze Werk, so dass sich Zeitgenossen wie etwa Richard Strauss nicht nur für es begeisterten, sondern sich auch für ihr eigenes Werk inspirieren ließen. “Hänsel und Gretel” machte den 1854 in Siegburg geborenen Engelbert Humperdinck weltberühmt, der doch einen viel umfassenderen musikalischen Werkkatalog hinterließ.

Gespür für die romantische Poetik 

Die Hommage “Erinnerung” verschafft uns auch eine eindrucksvolle Begegnung mit dem Liedkomponisten Humperdinck und dessen Liederzyklus “Junge Lieder”, der 1898 entstand. Humperdinck hatte ihn für die reifere Jugend komponiert, deren Gespür für die romantische Poetik er fördern wollte. Er bediente sich dazu der Sammlung “Trifolium”, die der Dichter Moritz Leiffmann 1898 veröffentlicht hatte. Diese wie auch eine Auswahl von Kinder- und Weihnachtsliedern hat die Sopranistin Christina Landshamer für diese CD aufgenommen, begleitet vom Pianisten Hinrich Alpers.

“Erinnerung” als Weltersteinspielung

Zu den neuen Produktionen für diese CD gehören auch zwei, die den Fokus auf einen Bereich von Humperdincks Schaffen lenken, der bislang zu Unrecht vernachlässigt wurde: seine Kammermusik. Kaum bekannt etwa das späte Streichquartett in C-Dur – es entstand 1920, als einziges dieses Genres, ein Jahr vor seinem Tod. Der Musikwissenschaftler Karl Böhmer nannte es einen “Schwanengesang”, einen “rührenden Abgesang auf die deutsche Romantik”. Das erst 1937 veröffentlichte Werk steht in einem reizvollen Kontrast zum frühen, romantischen Klavierquintett in G-Dur, das Humperdinck mit 21 Jahren komponierte. Beide Werke, aufgenommen mit dem Schumann-Quartett und dem Pianisten Hinrich Alpers, ergänzen damit das Gesamtbild Humperdincks als Komponist. 
Hinrich Alpers kuratierte nicht nur sämtliche Neuaufnahmen dieser Veröffentlichung – er spielte auch das namensgebende Stück des Albums “Erinnerung” als Weltersteinspielung ein. Humperdinck schrieb das kurze und sehr persönliche Klavierstück, dessen Autograph es erst vor kurzem entdeckt wurde, im Alter von 17 Jahren für das Poesiealbum seiner geliebten Schwester Ernestine.

Musiktheater par excellence!    

Enthalten sind zudem Auszüge aus der Märchenoper “Hänsel und Gretel”, 1893 in Weimar durch niemand Geringeren als Richard Strauss selbst uraufgeführt. Die Ausschnitte stammen von der legendären, 1978 in Wien entstandenen Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter Sir Georg Solti und einer Sängerbesetzung der Sonderklasse. Dazu gehörten Norma Burrowes, die wir bei dieser Auswahl als Sandmännchen hören sowie Brigitte Fassbaender und Lucia Popp in den Titelpartien, die den “Abendsegen” mit geradezu entwaffnender Innigkeit singen.
Es spricht für das durchdachte Konzept, dass die Wahl für diese Zusammenstellung auch auf die beiden Lieder “Brüderchen komm tanz mit mir” und “Ein Männlein steht im Walde” fiel – beste Beispiele für die Nähe des Komponisten zum Volkslied, das in Humperdincks Opern oft seinen Niederschlag findet.
So auch in der 1910 in New York uraufgeführten Märchenoper “Die Königskinder, die in Ausschnitten ebenfalls zu erleben ist. In einer im Juli 2005 mit dem Orchestre National de Montpellier Languedoc-Roussillon unter Armin Jordan entstandenen Liveproduktion gibt der damals noch am Anfang seiner Karriere stehende Jonas Kaufmann einen leidenschaftlichen Königssohn, die spanische Sopranistin Ofelia Sala berührt als Gänsemagd ebenso wie der Bariton Detlef Roth in der Rolle des Spielmanns.