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Mit Bach durch lange Nächte

Lang Lang
© Olaf Heine
14.09.2020
Ja, der Zustand der Welt kann einem den Schlaf rauben. Schon deshalb ist die Anekdote über die Entstehung der Goldberg-Variationen zu schön, um nicht wenigstens einen Kern Wahrheit zu enthalten: Weil Russlands Gesandter am Dresdner Hof, Graf Keyserlingk, unter Schlaflosigkeit litt, soll er das Stück bei Bach bestellt haben. Sanft und munter zugleich wünschte er sich die Musik, die ihm sein junger Cembalist Goldberg dann “zur Gemüths-Ergetzung” vorspielte.
Ein überraschender Gedanke: der komplexen Welt dort draußen eine Komposition entgegenhalten, die in ihrem Innern so unerschöpflich ist wie kaum eine andere. “Das vielschichtigste Werk der Klavierliteratur” nennt Starpianist Lang Lang Bachs Goldberg-Variationen. Er muss es wissen, trug er den kompletten Zyklus doch schon mit 17 Jahren – in einem ähnlichen Alter wie damals Johann Gottlieb Goldberg – dem Dirigenten Christoph Eschenbach vor, in einer Nachtsitzung, auswendig und spontan.
Öffentlich aber wollte er das Werk erst spielen, wenn ihm die Zeit dafür reif schien. Ganze 20 Jahre vergingen, erst dann fühlte sich Lang Lang der Herausforderung gewachsen. Drei Mal präsentierte er den Zyklus Anfang des Jahres in Deutschland, Höhepunkt war das Konzert in der Leipziger Thomaskirche, mit Blick auf Bachs Grab. “Noch nie habe ich mich einem Komponisten so nah gefühlt”, sagt Lang Lang. Dann kam Corona.
Für den Pianisten bedeutete das, was es für viele andere auch bedeutete, eine erzwungene Auszeit vom Konzertalltag. “Jetzt wäre ich bereit, aber ich darf nicht spielen. Das ist noch viel frustrierender!” Doch Lang Lang ging ins Studio und spielte die Goldberg-Variationen ein. Und jetzt der Clou: Diese Aufnahme wird zusammen mit dem Thomaskirchen-Mitschnitt in einer Deluxe-Edition erscheinen. Livekonzert und Studioversion in einem – das gab es noch nicht.
Aber es ergibt Sinn, gerade im Fall des Goldberg-Kosmos. 30 Variationen, das sind 30 unterschiedliche Sichtweisen auf ein Thema, die je nach Tagesform und Umgebung anders ausfallen. So auch bei Lang Lang: Seine Liveaufnahme klingt spontaner, impulsiv und mehr aufs Ganze zielend, die Studioaufnahme reflektierter, mit viel Arbeit am musikalischen Detail.
Hinzu kommt, dass der Künstler über all die Jahre gereift ist. Die Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Nikolaus Harnoncourt und Andreas Staier, seine Kenntnis der klassischen Einspielungen einer Wanda Landowska, eines Glenn Gould, aber vor allem die eigene intensive Auseinandersetzung mit dem Werk haben Früchte getragen. Als er die Variationen erstmals live präsentierte, wurde vor allem die Bandbreite seiner Interpretation gelobt. “Lang zeigt uns, wie viel er beim Suchen entdeckt hat”, hieß es nach seinem Gastspiel beim Klavierfestival Ruhr. “Zwischendurch erleben wir Anfallsattacken von purer Virtuosität, die aber nicht selbstzweckhaft, sondern erzählerisch wirken. Dann wieder breitet sich eine fast ozeanische Ruhe aus, und man fühlt sich von guten Klängen wunderbar geborgen.”
Graf Keyserlingk wäre sicher lange wach geblieben!
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