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Der fliegende Holländer: Die Neuinszenierung der Bayreuther Festspiele 2021 bei Deutsche Grammophon

Der fliegende Holländer Bayreuth 2021 Website News
29.04.2022
Die Wagner-Festspiele eröffneten im vergangenen Sommer mit einer packenden Neuinszenierung von Der fliegende Holländer. Als Studie über Entfremdung, Rache und Erlösung fasste Dmitri Tcherniakov sein Bayreuther Regiedebüt. Ein Bayreuth-Debüt war es auch für Dirigentin Oksana Lyniv – nie zuvor stand eine Frau am Festspielpult in der 145-jährigen Geschichte des Festivals – und ebenso für die litauische Sopranistin Asmik Grigorian, die in der Rolle der Senta triumphierte. Zu der außergewöhnlichen Besetzung der Produktion gehörten außerdem John Lundgren (Der Holländer), Georg Zeppenfeld (Daland), Eric Cutler (Erik) und Marina Prudenskaya (Maria). Der fliegende Holländer wurde von Deutsche Grammophon live aufgenommen und erscheint am 24. Juni 2022 als DVD- und Blu-ray-Edition.
Tcherniakov begreift das Werk zeitgemäß. Er erforscht die Psychologie wechselseitiger Abhängigkeit in einer geschlossenen Gemeinschaft und projiziert das Drama von Wagners romantischer Oper in eine Gegenwart zerrütteter Beziehungen, urbaner Gewalt und karger Architektur. Der renommierte russische Regisseur und Bühnenbildner, »ganz vorn bei den Vorderen« (Opera News), verlegt die Handlung der Oper von ihrem eigentlichen Schauplatz an der Küste in die Seelenlosigkeit einer modernen Stadt. Hier wurde der Holländer geboren und erlebte als Kind, wie seine Mutter sich das Leben nahm. Während die Ouvertüre erklingt, wird sein wiederkehrender Traum des Traumas im Stillen auf der Bühne durchgespielt.
Der Holländer – zu ewiger Wanderschaft verdammt, solange ihn nicht die unsterbliche Treue einer Frau erlöst – kehrt nach langer Abwesenheit nach Hause zurück und trägt Senta die Ehe an, der Tochter von Daland, dessen Herzlosigkeit des Holländers Mutter einst in den Selbstmord trieb. Tcherniakovs Lesart des Stoffs, ein Zerreißspiel der Hauptfiguren, führt unabwendbar zur Zerstörung der Stadt und zum Tod des Helden. Das Premierenpublikum war hingerissen und bedachte die Aufführung mit tosendem Applaus. Jeder Künstler hatte überzeugt.
Die Financial Times pries Georg Zeppenfeld als einen Daland, »an dessen Lippen man hängt«, »mühelos, lyrisch und ergreifend leidenschaftlich« sei Eric Cutler als Erik, erklärte Seen and Heard International, während John Lundgren als ein »enigmatischer, eisiger und beunruhigender Holländer« daherkommt, so ConcertoNet. Insbesondere Asmik Grigorians fulminanter Auftritt erhielt vom Bayreuther Publikum stehende Ovationen, »eine der besten Operndarbietungen, die ich je gesehen habe«, schrieb Seen and Heard International und kam zu dem Schluss, dass die Sopranistin »Senta nicht nur singt, sie wird zu ihr!«.
Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, ehemals Chefdirigentin der Oper in Odessa und der Oper Graz, verleiht Wagners Partitur ihre ganz eigene Eindringlichkeit und Dynamik. Ihre Interpretation wurde von der New York Times für ihren »Scharfblick für Detail und Tempo« gewürdigt, ihr Holländer sei »straff und belebt«, so die Frankfurter Rundschau.
»Gerade der Fliegende Holländer ist keine leichte Oper«, sagt Lyniv. »Sie ist eine der schwersten Wagner-Opern, obwohl sie auch die kürzeste ist. Da ist jeder Moment Spannung, sehr viel Abwechslung, alles in einem Zug, zweieinhalb Stunden, man braucht wirklich Erfahrung und Talent und Geduld und Passion gleichzeitig.«
Sowohl Lyniv als auch Tcherniakov haben sich in den letzten Wochen zur russischen Invasion der Ukraine öffentlich geäußert. Tcherniakov ist einer von vielen Künstlern weltweit, die in einem offenen Brief das sofortige Ende dieses »ruchlosen Kriegs« fordern und zugleich eine faire Behandlung aller Russen und Weißrussen anmahnen, die nicht mit dem Putin-Regime verbunden sind. Lyniv, deren Familie noch in der Ukraine lebt, hat russische Künstler aufgefordert, die Invasion zu verurteilen und selbst einen offenen Brief an Putin verfasst. »Zu dirigieren gibt mir die Kraft zum Leben«, schrieb sie. »Und zum Kämpfen – für Frieden und Demokratie. Die Musik ist zu meiner Waffe geworden. Und es ist eine mächtige Waffe.«