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Matthew Herbert ist seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten musikalischen Feldern erfolgreich. Er ist die graue Eminenz hinter den im Jahr 2000 gegrรผndeten Accidental Records. Er arbeitete als Produzent, Remixer, DJ und Autor von Filmmusiken. Seine Musik wurde an Orten wie dem Royal Court, dem Broadway oder dem Sydney Opera House aufgefรผhrt. Mit der Matthew Herbert Big Band feierte er Erfolge. Ganz zu schweigen von der Fรผlle an Verรถffentlichungen, die er unter Pseudonymen wie Wishmountain, Herbert, Radio Boy oder Doctor Rockit herausgebracht hat. Fรผr House, Elektronika und experimentelle Elektronik hat Matthew Herbert entscheidende Impulse geliefert. Sein grรถรter, wiewohl umstrittener Verdienst liegt jedoch im Postulat der politischen Dimension von Sampling. Bei Herbert wird House zu Klangkunst oder zum instrumentalen Protestsong. Fรผr ihn liegt Konsumkritik im Knistern von Chips Tรผten oder in dem Gerรคusch, das entsteht, wenn jemand krachend in einen Apfel beiรt. Die Herkunft der Klรคnge, mit denen der akribische Sample-Archivar Herbert arbeitet, ist fรผr ihn von entscheidender Bedeutung. รsthetische und politische Erwรคgungen sind der Schlรผssel zu seinem Werk. Matthew Herbert ist eine kontroverse Kรผnstlerpersรถnlichkeit, umgeben von Bewunderern und Kritikern, die ihm die systematische Aufwertung seiner Musik mit theoretischen รberbauten vorwerfen. Herbert, der immer konzeptuell gearbeitet hat, ist geradezu prรคdestiniert fรผr die Recomposed-Reihe.
Gustav Mahler, dieser groรe Komponist an der Schwelle zur Moderne, schrieb seine letzte Sinfonie in der Zeit einer schweren Lebenskrise. So sehr, wie Freund und Bewunderer Arnold Schรถnberg in der neunten Sinfonie Mahlers den Verlust eines Subjekts zu beobachten meinte, so sehr bricht sich dieses Subjekt Bahn im letzten, tragischen Werk Mahlers. Seine Unvollendete ist Ausdruck der persรถnlichen Hรถlle, die er im Sommer des Jahres 1910 durchlitt. Mahler war verzweifelt, die Abgrรผnde von Verlust und Wahnsinn umgaben ihn. Der Tod, immer ein zentrales Motiv bei Gustav Mahler, scheint in Sinfonie No.10 Gestalt anzunehmen. Ein Umstand, den Matthew Herbert zum Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung mit Mahlers Zehnter machte.
Herbert hat Mahler beim Wort genommen. Er baute ein Autoradio in einen Sarg ein, lieร die Zehnte darauf abspielen und nahm das Ergebnis wieder auf. Das Bratschensolo aus der Einleitung lieร er am Grab des Meisters in Wien neu einspielen. รber die Lautsprecher in einem Krematorium spielte er das Adagio ab und platzierte ein Aufnahmegerรคt hinter dem Vorhang. Es ging ihm darum, das Nebeneinander des Banalen und Erhabenen in Mahlers Werk, die stรคndige Reibung von Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung, Grรถรe und Vergรคnglichkeit sozusagen zu seinem Arbeitsmaterial zu machen. โMeine Fassung soll keineswegs nur die Faszination des Todes darstellen, sondern eine รbersteigerung der unbequemen Balance, die Mahler zwischen Licht und Dunkel herstellte. Es ist die Lust am Konflikt zwischen der Furcht und der Herrlichkeitโ, so Matthew Herbert.
So hat man stets das Gefรผhl der Doppelbรถdigkeit, wenn man sich Herberts Version von Mahlers Zehnter annรคhert. Unter dem vermeintlich sicheren Grund wartet das Dunkle, Unbekannte. Das Hรถrbare, sinnlich erfahrbare, hat eine Schattenseite. Und immer wieder drรคngen die Schatten an die Oberflรคche.
Meisterlich hat Herbert das psychisch wie kรผnstlerisch dรผnne Eis, auf dem Mahler sich im Sommer 1910 bewegte, hรถrbar gemacht. Durch subtile Bearbeitungen der Struktur, des Klanges und der Rรคumlichkeit hรถren wir die zehnte Sinfonie, wie wir sie noch nicht gehรถrt haben. Mal zart unterstreichend, mal รผberzeichnend betrachtet Matthew Herbert Mahlers Unvollendete von innen heraus. Durch sein Gespรผr fรผr Zeit und Dramaturgie werden wir unweigerlich in dieses Hรถrspiel รผber Mahler und sein letztes groรes Werk hinein gezogen. Etwa der Raumklang des Zimmers, das den Komponisten umschlieรt und einengt wie ein Cocon, Schritte und Rascheln von Papier in klaustrophobischer Enge, gehรถren zu den wenigen Overdubs, die Herbert fรผr sein Mahler-Projekt benutzt hat. Die Analogie zur Isolation, in der Gustav Mahler in seinem Komponierhรคuschen in Toblach mit seiner Verzweiflung gerungen hat, liegt auf der Hand.
Matthew Herbert hat die Recomposed-Reihe um einen entscheidenden Aspekt bereichert: Den des werkimmanenten Arbeitens. Sein Bestreben war nicht, zur zehnten Sinfonie seine persรถnliche Sichtweise beizusteuern, sondern sie zu verstehen und ihren Konfliktreichtum zu verstรคrken. Viel mehr als eine Re-Komposition hat Herbert ein Werk der Klangkunst geschaffen, das die zu bearbeitende Musik als Material nimmt und damit eine Spiegelung herstellt. Eine Reflektion รผber Gustav Mahler und seine zehnte Sinfonie im Wortsinn.
Deutsche Grammophon (DG)
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