Elina Garanca | News | Momente mit Seltenheitswert - Elīna Garanča präsentiert 'Live from Salzburg'

Momente mit Seltenheitswert – Elīna Garanča präsentiert ‘Live from Salzburg’

Elīna Garanča - Header
© SF / Marco Borrelli
29.10.2021
Die coronabedingte Zwangspause für die Livekultur war für Künstler wie Hörer gleichermaßen schmerzlich und weder Onlineübertragungen noch digitale Angebote vermochten zu überdecken, wie sehr der unmittelbare Kontakt zwischen Interpret und Publikum fehlte. Umso bestechender waren seit Beginn der Pandemie jene Konzertereignisse, die tatsächlich stattfinden konnten. Das Album Live from Salzburg, das am 3. Dezember bei Deutsche Grammophon erscheint, dokumentiert zwei dieser außergewöhnlichen Darbietungen, aufgeführt von der Mezzosopranistin Elīna Garanča bei den Salzburger Festspielen in den Sommern 2020 und 2021 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Christian Thielemann. Es sind Konzerte, die Geschichte schrieben – weil sie der weltweiten Krise der Livekultur trotzten, aber vor allem aufgrund ihrer herausragenden Intensität.
Auf dem Programm standen an den Abenden im Festspielhaus neben reinen Orchesterwerken jeweils Orchesterlieder, die sich nun auf dem Album von Deutsche Grammophon wiederfinden. So sind zum einen die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner zu hören, deren innige Ausdruckskraft und Poesie für sich stehen. Der Komponist arbeitete in diesem schwermütigen und emotionalen Liederzyklus seine unerlaubten Gefühle zu Mathilde Wesendonck auf und komponierte auf Grundlage von Gedichten seiner Angebeteten die von Garanča hingebungsvoll dargebotenen Stücke. Wagners »Fünf Gedichte für Frauenstimme und Klavier« waren in Salzburg als Orchesterversion zu erleben, arrangiert von Felix Mottl.
Auf die Wesendonck-Lieder folgen auf dem Album die Rückert-Lieder von Gustav Mahler, die dieser nicht als Zyklus, sondern zu verschiedenen Zeiten als eigenständige Einzelwerke komponiert hat. Sie sind geprägt von der feinen Lyrik der Texte Rückerts, die Mahler als intime Charakterstücke musikalisch ausdeutete und zu suggestiv wirkenden Stimmungsbildern werden ließ.
Beide Male wurden die Konzerte unter organisatorischen Ausnahmebedingungen auf die Bühne gebracht. Im Sommer 2020 war lange Zeit offen, ob die Festspiele überhaupt würden stattfinden können, letztlich wagte das Festival die Entscheidung für die Liveaufführung mit Publikum, allerdings unter enormen Sicherheitsvorkehrungen und mit deutlich reduzierter Zuschauerzahl. Einlass nur mit personalisiertem Ticket, Maskenpflicht und ein Sitzplan im Schachbrettmuster waren die äußeren Zeichen dieser Extremsituation im ersten Coronasommer. Auch ein Jahr später beherrschte die Pandemie noch die Welt, ein Kulturbetrieb im Normalmodus war nicht möglich. Die Maske also blieb Voraussetzung für den Konzertbesuch, hinzu kamen 3G-Kontrollen, der Saal jedoch konnte wieder voll besetzt werden. Entsprechend erwartungsfroh und präsent war auch die Atmosphäre im Saal, was die Livemitschnitte eindrucksvoll belegen.
Die Künstler selbst bewiesen in dem besonderen Setting umso mehr ihre Brillanz und Größe: Elīna Garanča, für die das Lied die »intimste musikalische Ausdrucksform überhaupt« ist, deutete die beiden mehrteiligen Kompositionen mit kompromissloser Hingabe und hoch konzentrierter Emotionalität aus. Als würde die Musik unterm Brennglas liegen, legte die Sängerin den Kern der Texte frei und bestach mit perfekter Artikulation und stimmlicher Eleganz. Die Wiener Philharmoniker wiederum überzeugten als symphonischer Klangkörper mit kammermusikalischer Sensibilität und durchdrangen die Partitur mal zart schillernd mal mitreißend dynamisch. Christian Thielemann, mit dem Garanča schon mehrfach zusammengearbeitet hat, agierte als nachdrücklicher Gestalter am Dirigentenpult, der die große Geste ebenso beherrscht wie die filigrane Detailarbeit. Eindrucksvoll hielt er die Balance zwischen Solistin und Orchester.
So ist das Album Live from Salzburg beides zugleich: das bewegende Dokument von Livekultur in einer besonderen Zeit und eine interpretatorische Meisterleistung.
Folge der Deutschen Grammophon