Ein ebenso unvorhersehbares wie berauschendes Trio

Seit der Pianist Craig Taborn vor fünf Jahren die ersten Konzerte mit der Cellistin Tomeka Reid und dem Schlagzeuger Ches Smith gab, wurde eine Aufnahme dieses aufregenden Trios mit Spannung erwartet. Und mit jeder Tournee, die das Ensemble in den Jahren danach unternahm, wuchs bei Jazzfans das Verlangen nach einem Album. Als das Trio im vergangenen November in der Laeiszhalle in Hamburg auftrat, fand das Hamburger Abendblatt in seiner Konzertbesprechung nur lobende Worte für die Performance und nannte sie “unvorhersehbar, berauschend”. Diese Attribute treffen auch auf die Musik des nun endlich erscheinenden Debütalbums “Dream Archives” zu. Der Ansatz der drei Protagonisten ist außergewöhnlich komplex. Sie decken auf “Dream Archives” ein breites musikalisches Spektrum ab und greifen eine Vielzahl von Idiomen aus der Musikgeschichte auf, die sie neu konfigurieren, um eine noch nie gehörte Klangwelt voller Träumereien zu schaffen.
Das Fundament des Albums bilden vier neue umfangreiche Kompositionen von Craig Taborn, der im vergangenen Jahr eines der begehrten Stipendien der MacArthur-Stiftung erhielt, die auch als “Genius Grant” bekannt sind. Ein großer Teil der Originalität der Musik verdankt sich der gemeinsamen Sprache des Trios, die maßgeblich von den einzigartigen Persönlichkeiten seiner Mitglieder geprägt ist. “Ich erkannte sofort das Potenzial dieses Ensembles”, bemerkt der Pianist, “sowohl hinsichtlich der Instrumentierung als auch der Persönlichkeiten. Entscheidend ist die Modularität. Vieles hängt davon ab, wie viele Möglichkeiten es gibt, eine Reihe musikalischer Informationen zu kontextualisieren. Man braucht Leute, die ein umfassenderes Bewusstsein für diese verschiedenen Ansätze in der Musik haben. Leute, die verschiedene Kontexte bieten, die man dann auch wirklich berücksichtigen kann.”
Das Trio wechselt im Handumdrehen die Idiome, verwandelt sich “von einem traditionellen Jazz-Klaviertrio in eine Art zeitgenössische Kammermusik und dann in ein elektronisches Ensemble. Diese Veränderungen können blitzschnell vorgenommen werden”, sagt Craig."Von allen Bands, die ich bis heute hatte, besitzt diese das größte Potenzial, wenn es darum geht, ad hoc die Richtung oder das Idiom zu wechseln. Und das ist das Aufregende an diesem Trio."
Mitunter trägt Craig Taborn seine Einflüsse aber ganz offen zur Schau. Auf “Dream Archives” würdigt er zwei seiner wichtigsten Inspirationsquellen, indem er mit seinem Trio auf ausgelassene Weise Paul Motians “Mumbo Jumbo” und Geri Allens “When Kabuya Dances” interpretiert.
“Ich habe eine Vorliebe dafür entwickelt, die Werke von Leuten aufzunehmen, die eine sehr einzigartige kompositorische Stimme haben”, umreißt Craig Taborn seine Beweggründe für die Wahl dieser beiden Stücke. “Es hat damit zu tun, dass ihre Kompositionen eine Menge Interpretationsmöglichkeiten bieten, aber einen wirklich unverwechselbaren Klang und Ansatz haben. Ich habe mir viele Sachen von Paul Motian angehört, bevor ich – nur wenige Jahre bevor er starb – mit ihm in seinen Gruppen im Vanguard arbeitete. Man erkennt ein Stück von Geri Allen oder Paul Motian auf Anhieb. Viele von Pauls Kompositionen klingen so, als hätte er ein großes Konzept im Kopf, das er dann aber wieder verwirft und nur die Essenz übriglässt.”





