Eine Reise zum Herzen der Bassgitarre

Björn Meyer schöpft das technische Potenzial der Bassgitarre voll aus, um markante Klänge und gemaserte Texturen zu erzeugen. Dabei ist er sich stets des akustischen Raums bewusst, in dem er diese Klänge erschafft. In einer Rezension von “Provenance” stellte Rob Mallows 2017 in den London Jazz News fest, dass der Bassist zeige, “dass melodische Ausgelassenheit und emotionale Intensität nicht nur jenen vorbehalten sind, die sich im Diskantregister bewegen. Meyers Bass singt.” Diese gesangliche Qualität seines Spiels kommt auf “Convergence” noch stärker zur Geltung. Mit seinen stimmungsvollen Erkundungen gelingt es Meyer hier, Bilder im Kopf des Hörers heraufzubeschwören.
Meyer lässt sein musikalisches Material in Echtzeit entstehen. Er spielt es “live” im Studio ein und greift dabei auf das technische Arsenal des modernen Bassisten zurück. Ad hoc verwendet er diverse Effektgeräte. Die Stücke, die auf “Convergence” zu hören sind, kamen hingegen nach und nach zusammen: “Auf den ersten paar Tourneen nach der Veröffentlichung von ‘Provenance’ habe ich größtenteils Material von diesem Album gespielt. Doch schon bald bahnten sich neue Inspirationen, Ideen und ‘Zufälligkeiten’ ihren Weg in die Aufführungen. Auf ziemlich langsame, aber stetige Weise setzten sich diese neuen Richtungen in meinem Kopf fest, entwickelten sich mit der Zeit weiter und wuchsen schließlich zu einem völlig neuen Repertoire heran. Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren durch intensiveres Solospiel gesammelt habe, sind auf diesem Album zusammengeströmt. Die vielen Soloauftritte haben es mir auch ermöglicht, meine Möglichkeiten auf dem sechssaitigen E-Bass tiefer auszuloten. Neue Spieltechniken und Klänge, aber auch neue Weisen, auf diesem Instrument zu improvisieren und für es zu komponieren, haben direkten Eingang in meine musikalische Praxis gefunden – und das nicht nur im Solokontext.”
Diese Reise zum Herzen der Bassgitarre war manchmal mit verdeckten Umwegen und “Präparationen” verbunden, die an die experimentelle Tradition eines John Cage erinnern. In der Improvisation “Rewired” verwendet Meyer beispielsweise Magnete und Metallstäbe, um die Schwingungen der Saiten zu verändern. Noch einen Schritt weiter geht er bei dem Stück “Magnétique”, in dem er mithilfe “einer speziellen Konstruktion aus Magneten, einer Feder und einigen Tropfen Sekundenkleber” einen gedämpften und metallischen Klang erzeugt. Die bei “Magnétique” verwendete Tapping-Technik lässt das Stück zudem beinahe wie ein Perkussionswerk erscheinen und erinnert an die Kreuzrhythmen der Mbira-Musik. Meyer erkundet kontinuierlich die Möglichkeiten seines Instruments – sei es, indem er betont, dass es sich um eine Bassgitarre handelt – etwa durch das elegante polymetrische Zupfen in “Gravity” – oder dadurch, dass er wie in dem Ambient-Stück “Drift” dunkle, lange nachhallende Klangschwaden freisetzt. Jedes Stück wird zu einer Episode in einer sich entfaltenden Erzählung.
“Als wir die Musik abmischten und prozessierten, machte Manfred Eicher irgendwann den ebenso kühnen wie wunderbaren Vorschlag, die Reihenfolge der Stücke zu ändern und das Album mit ‘Convergence’ zu beginnen”, erzählt Björn Meyer. “Diese Entscheidung setzte einen sehr starken dramaturgischen Fluss in Gang, der mit ‘Nesodden’ wunderschön endet. So wurde daraus eine Geschichte, die sich am besten auf diese Weise erzählen lässt – sie regt, wie ich finde, die Fantasie an, ist voller Überraschungen und lässt dennoch Raum für Kontemplation.”
Am kommenden Samstag, dem 24. Januar, tritt Björn Meyer mit dem Programm von “Convergence” beim Sparks & Visions Festival in Regensburg auf.





